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Stichworte: Ist Textverarbeitung statische Haltearbeit und wenn ja, gibt es Grenzwerte über eine maximale Belastung?

Frage:

Ist Textverarbeitung statische Haltearbeit und wenn ja, gibt es Grenzwerte bzw. Aussagen über eine max. Belastung?

Wenn von schwerer Arbeit geredet wird und dies prinzipiell unter der Überschrift "dynamische, statische bzw. einseitige Muskelarbeit", gibt es Grenzwerte bzw. Aussagen über die max. Belastung von kleinen Muskelgruppen?

Antwort :

Bildschirmarbeit kann z.B. bei längerer andauernder ununterbrochener Dateneingabe zu einseitiger dynamischer Arbeit führen. Folgen hierdurch sind häufig Beschwerden im Hand-, Arm- und Schulter-System. Ständiges Sitzen und dabei eingenommene Zwangshaltungen schaden der Wirbelsäule und können Rückenschmerzen, aber auch chronische Wirbelsäulenerkrankungen hervorrufen. Sie behindern Atmung, Blutzirkulation sowie Verdauung, und sie ermüden. Weitere mögliche Folgen sind: Durchblutungsstörungen, Verdauungsprobleme, Kopf- Nacken und Schulterschmerzen sowie Beschwerden in Armen und Händen.
 
Prof. Dr. H. Sorgatz der TU Darmstadt erläutert insgesamt die eventuellen
Folgen wie folgt:
 
„Folgende Empfindungs- und Gesundheitsstörungen stehen im Verdacht, durch zig-tausendfache Wiederholungen (Repetitionen) derselben Bewegung auslösbar zu sein und sich langfristig zu einem RSI-Syndrom zu entwickeln:
 
• Kraftverlust
• Sensibilitätsverlust
• Missempfindungen
• Bewegungs- und Ruheschmerzen
• Myalgie = Muskelschmerzen
• Ganglion Zysten = "Überbein"
• Tendinitis = Sehnenentzündung
• Tenosynovitis = Sehnenscheidenentzündung
• Epikondylitis = "Tennisellbogen"; "Golferellbogen"
• Karpal-Tunnel-, Schulter-Arm- und Cervico-brachial-Syndrom
• myofasziales Schmerz- Syndrom, Periositis, Tendomyopathie u. v. a.
 
Gelenke, Sehnen und Muskeln können durch schnelle, kurze und täglich zigtausendhaft wiederholte Bewegungen so geschädigt werden, dass sie sich in nächtlichen Erholungsphasen nur unzureichend erholen. Die am nächsten Tag noch nicht vollständig reparierten Schäden summieren sich bei weiterer Bildschirmarbeit und im Verlauf eines mehrjährigen Berufslebens zu Schmerzen und Funktionseinschränkungen. Geschädigte und verkürzte Muskeln vermitteln Schmerzempfindungen auch von anderen Stellen als dem "Verletzungsort" (übertragener Schmerz) und veranlassen das Nervensystem dazu, größere Muskelstränge abzuschalten, um die sich reparierende Muskulatur vor weiteren Verletzungen zu schützen. Kraftverlust und Lähmung sind die Folge. Darüber hinaus können aufgrund der primären Schädigung sekundäre, auch vom vegetativen Nervensystem (sympathicus) erzeugte Symptome (Schwellungen, Entzündungen) entstehen, die den Grundschaden subjektiv und objektiv überlagern.
 
Verstärkende Begleitmechanismen sind hierbei:
 
Körperhaltung
1. Starre, ungünstige Sitzhaltungen und unergonomische Bewegungsmuster (Abknicken der Gelenke) führen zu verminderter Durchblutung der Muskulatur bzw. erhöhen die mechanische Reibung in Sehnenscheiden und Gelenken. Beides begünstigt kleinste Schäden an Muskeln und Sehnen.
 
Stress
2. Stressige Bildschirmarbeit erfordert - häufig unbemerkt - eine hohe geistige Anspannung. Diese breitet sich auch auf Nacken-, Rücken- und Armmuskeln aus und hemmt zudem den Ablauf hochautomatisierter Bewegungsabläufe. Beides kann ein Gegeneinanderarbeiten (Ko-Kontraktionen) der Fingerbeuge- und Fingerstreckmuskeln im Unterarm bewirken. Vor allem die Fingerstrecker werden beim Tastenanschlag durch die Beugemuskulatur gegen Widerstand gedehnt (exzentrische Kontraktion), was zu kleinsten Verletzungen in einzelnen Muskelfasern führt.
 
Repetitive Bewegungen
3. Repetitive Bewegungen können eine veränderte Empfindlichkeit der Großhirnrinde hervorrufen, die den koordinierten Bewegungsablauf bei der Tastaturarbeit stören und stattdessen unergonomische Bewegungsmuster und muskelschädigende Ko-Kontraktionen bewirken.
 
4. Ein wiederholtes zeitliches Zusammentreffen gleichförmiger Bewegungsabläufe mit spezifischen Schmerzempfindungen kann die Funktion bestimmter sensorischer Nervenzellen im oberen Rückenmark ändern. Sie erzeugen auch dann Bewegungsschmerzen, wenn die eigentlich verursachende Verletzung längst abgeheilt ist.
 
5. Repetitive Kopfbewegungen z. B. beim Ablesen von Vorlagen und ungünstige Armhaltungen (Mausbedienung) können bei konstitutionell besonders veranlagten Menschen Nervenreizungen verursachen, die als Gesundheitstörungen im Arm/Hand-Bereich empfunden werden, ohne dass in diesem irgendwelche Schädigungen vorliegen müssen (projizierter Schmerz).
 
Psychophysisches Schmerzsyndrom
6. Bei langdauernden Schmerzen (Chronifizierung) passt sich das individuelle Bewegungs- und Erlebensmuster dem Schmerzzustand soweit an, dass es diesen eher unterstützt als bekämpft. Schon- und Schutzbewegungen, Mutlosigkeit bis hin zur Depressivität sowie Ängste vor Verschlimmerung und Berufsunfähigkeit formen ein chronisches psychophysisches Schmerzsyndrom, das körpereigene Gesundungsvorgänge hemmt.“
 
Maximale Belastungen oder Grenzwerte
Angaben über maximale Belastungen oder Grenzwerte für die Belastung von kleinen Muskelgruppen sind für den Bereich der Bildschirmarbeit nicht vorhanden. Zudem sind die Belastungen und die daraus resultierenden Beanspruchungen individuell unterschiedlich, so dass die Festlegung von Grenzwerten problematisch ist.
 
Grundsätzlich wird daher empfohlen, die Bildschirmarbeit und den Arbeitsplatz ergonomisch zu gestalten. Nach der Bildschirmarbeitsverordnung (BildscharbV - § 5) hat der Arbeitgeber die Tätigkeit so zu organisieren, dass die tägliche Arbeit an Bildschirmgeräten regelmäßig durch andere Tätigkeiten oder durch Pausen unterbrochen wird, um so die Belastung durch die Bildschirmarbeit zu verringern.
 
Der Länderausschuss für Arbeitsschutz und Sicherheitstechnik (LASI) nimmt hierzu in seiner Veröffentlichung "Bildschirmarbeitsverordnung - Auslegungshinweise zu den unbestimmten Rechtsbegriffen" wie folgt Stellung: (Quelle im Internet: http://lasi.osha.de/de/gfx/publications/lv14_ausleg_info.htm)
 
"Bei den Maßnahmen ist zunächst zu versuchen, die Arbeit an Bildschirmgeräten so zu organisieren, dass sie durch andere belastungsreduzierende Tätigkeiten unterbrochen wird. Erst in zweiter Linie kommen Unterbrechungen durch Pausen in Frage.
 
Dieser Forderung wird am besten mit dem Konzept „Mischarbeit“ entsprochen.
Aus ergonomischer Sicht ist der Erholungswert mehrerer kurzer Pausen (oder Unterbrechungen der Tätigkeit am Bildschirmgerät) größer als der von wenigen, festgelegten langen Pausen. Die (Kurz-)Pausen sollten hinsichtlich ihrer Lage von den Beschäftigten nach Bedarf frei gewählt werden können.
 
Es ist angestrebt, keine starre Sitzhaltung über lange Zeit vorherrschen zu lassen. Ideal ist ein Wechsel von Sitzen, Stehen und Gehen. Wenn das nicht möglich ist, ist es empfehlenswert, Kurzpausen von 5-10 Minuten in der Stunde einzulegen, damit die starre Sitzhaltung und die Fixierung der Augen (auf den Sehbereich des Arbeitsplatzes) unterbrochen und auch eine wechselnde psychische Belastung erreicht wird. Es ist nicht gestattet, die Kurzpausen über den Tag anzusammeln und so die tägliche Arbeitszeit zu verkürzen. Vielmehr sollten zusammenhängende Arbeitszeiten am Bildschirmgerät einen Zeitraum von 2 Stunden nicht überschreiten."
 
Die oben und in der Bildschirmarbeitsverordnung benannten Kurzpausen sind bezahlte Arbeitsunterbrechungen. Es sind nicht die im Arbeitszeitrecht geforderten Ruhepausen! Bei den in der Bildschirmarbeitsverordnung geforderten belastungsreduzierenden Maßnahmen rangieren derzeit Pausenregelungen hinter Mischarbeit, also der Unterbrechung der Arbeit durch andere Tätigkeiten. Bei stark vorbestimmten Arbeiten, wie z. B. Daten- und Texterfassung, sollte die Bildschirmarbeit auf vier Stunden pro Tag begrenzt werden. 

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