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Nutzerpfad: Gestaltung von Arbeitsplätzen > Arbeitsplatz- und Arbeitsstättenbeschaffenheit > Büroarbeitsplätze
Stichworte: Ist ein Sitzball als Alternative für einen Bürodrehstuhl erlaubt?

Frage:

In der Literatur wird häufig ein Sitzball als Alternative zu Bürostühlen genannt. Leider hilft das in der Praxis nicht weiter. Es stellt sich die Frage: Ist ein Sitzball nun im Büro erlaubt, insbesondere aus Sicht des Arbeitsschutzes/der Unfallverhütung? Dass ein Sitzball für rückenfreundliche Übungen empfohlen wird, ist bekannt. Entscheidend ist aber, ob diese Übungen im Büro aufgrund möglicher Unfallgefahren ausgeführt werden dürfen. Das würde ich klar verneinen, mir fehlt aber die gesetzliche Grundlage. Können Sie mir hierzu eine eindeutige Antwort geben, da ich vor dem Problem Sitzball zulassen (ja/nein) stehe?

Antwort :

Der Arbeitgeber ist allgemein nach dem Arbeitsschutzgesetz -ArbSchG- verpflichtet, die mit der Arbeit verbundenen Belastungen und gesundheitlichen Risiken seiner Beschäftigten in einer Gefährdungsbeurteilung zu ermitteln und die nötigen Maßnahmen zu treffen. Bei den Maßnahmen sind der Stand von Technik, Arbeitsmedizin und Hygiene sowie sonstige gesicherte arbeitswissenschaftliche Erkenntnisse zu berücksichtigen (§ 4 Ziffer 3 ArbSchG). Solche arbeitswissenschaftlichen Erkenntnisse sind vorzugsweise den Regeln und Informationen der Unfallversicherungsträger oder anderer Institutionen zu entnehmen.

So wird z. b. in der Broschüre VBG Fachwissen "Gesundheit im Büro Fragen und Antworten"
unter dem Punkt 2.16 zu der Frage "Sind Fit(„Sitz“)-Bälle eine Alternative zum Büroarbeitsstuhl?" folgendes erläutert:

Fit(„Sitz“)-Bälle sind in den unterschiedlichsten Ausführungen bekannt. Um die häufig gestellte Frage beantworten zu können, ob sie als Alternative zum Büroarbeitsstuhl gesehen werden können, ist es erforderlich, sowohl arbeitsmedizinische, als auch sicherheitstechnische und ergonomische Aspekte zu berücksichtigen.

Arbeitsmedizinische Aspekte
Auf Fit(„Sitz“)-Bällen befi nden sich die Benutzer im labilen Gleichgewicht. Sie müssen sich daher auf die besondere Art des Sitzens konzentrieren, um nicht herunterzufallen. Bei der labilen Gleichgewichtslage werden immer wieder kleine Ausgleichsbewegungen durch die Wirbelsäulenmuskulatur ausgeführt. Damit wird der beim Sitzen sonst üblichen und für die Wirbelsäule ungünstigen Haltungskonstanz entgegengewirkt. Es werden immer wieder unterschiedliche Muskelpartien aktiviert und die statische Beanspruchung der Muskulatur im Sinne von Haltearbeit vermindert. So wird Verspannungen vorgebeugt.

Der Fit(„Sitz“)-Ball ist also als Trainings- und Übungsgerät geeignet.

Bei längerem Sitzen kehrt sich diese positive Wirkung der Stärkung der Rückenmuskulatur allerdings ins Negative um. Die oben beschriebenen Ausgleichsbewegungen haben am Bildschirm- und Büroarbeitsplatz keinen nachweisbaren Trainingseffekt auf die betreffenden Muskelgruppen. Zudem nimmt der Benutzer wegen der fehlenden Abstützmöglichkeit des Rückens bereits nach kurzer Zeit durch zunehmende muskuläre Ermüdung eine Rundrückenhaltung ein. Die physiologische Lendenlordose wird aufgehoben. Damit kommt es zu einer höheren Bandscheibenbelastung.

Beim Fit(„Sitz“)-Ball ist durch die fehlende Höhenverstellbarkeit außerdem eine Optimierung der Sitzhöhe nicht gegeben.

Ein Arbeiten in entspannter, ermüdungsfreier Körperhaltung mit ausreichender Bewegungsfreiheit – wie für gut gestaltete Sitzgelegenheiten am Bildschirm- und Büroarbeitsplatz gefordert – ist nicht möglich. Der Fit(„Sitz“)-Ball ist für längerfristiges Sitzen nicht geeignet.

Wichtig ist auch der hygienische Aspekt. Sitzflächen und Rückenlehnen von Sitzgelegenheiten sind mit Bezugsstoffen auszustatten, die für ein gutes Mikroklima beim Sitzen sorgen. Damit werden übermäßiges Schwitzen, aber auch
Empfindung von Kälte vermieden. Der Benutzer soll sich sowohl bei höheren, als auch bei niedrigeren Temperaturen wohlfühlen. Das Kunststoffmaterial eines Fit(„Sitz“)-Balles kann dieses nicht leisten.

Fazit aus arbeitsmedizinischer Sicht: Ein Fit(„Sitz“)-Ball ist als Trainings- und Übungsgerät einsetzbar, jedoch als Sitzgelegenheit für die Arbeit an Bildschirm- und Büroarbeitsplätzen nicht geeignet.

Sicherheitstechnische und ergonomische Aspekte
Beim Benutzen eines Fit(„Sitz“)-Balles besteht die Gefahr, dass sich Benutzer bei kurzfristigem Aufstehen anschließend ins „Leere“ setzen, da sich der Fit(„Sitz“)-Ball infolge seiner Rolleigenschaften nicht mehr an der vermuteten Position
befindet. Weiterhin kann der Ball durch seine Rolleigenschaften zur Sturz- und Stolperstelle werden. In mehreren Fällen sind Fit(„Sitz“)-Bälle während der Benutzung geplatzt. Unterschiedliche Arten von Verletzungen waren die Folge.

Sitzgelegenheiten müssen im Rahmen der Prävention bestimmten sicherheitstechnischen und ergonomischen Kriterien genügen. Primäre Anforderungen beim Einsatz an Bildschirm- und Büroarbeitsplätzen sind neben unterschiedlichen
Einstellmöglichkeiten zur Einnahme individueller ergonomischer Sitzhaltungen die Standsicherheit, Stabilität und definierte Rolleigenschaften. Der Fit(„Sitz“)-Ball erfüllt diese Anforderungen nicht.

Fazit: Der Fit(„Sitz“)-Ball ist keine Alternative zum Büroarbeitsstuhl.


Hinweis:
Auf die Erläuterungen unter www.ergo-online.de möchten wir hinweisen.


Dialognummer: 12129
Stand: 18.09.2015

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